Armut - Schuld oder Schicksal?Wie weit ist Armut verbreitet?Alleinerziehende mit fünf Kindern Wieviel Sozialhilfe gibt es eigentlich? Arbeit für Sozialhilfeempfänger Arm trotz Arbeit Schuldnerberatung Müssen wir Armut akzeptieren?
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gesprochen von Yvonne Koch Beitrag hören/Studiogespräch hören Anmoderation:Armut soll durch das soziale Netz verhindert werden. Aber: wie eng ist das eigentlich geknüpft? Das wichtigste Auffangnetz ist sicherlich die Sozialhilfe. Wir wollten wissen: Was steht einem Sozialhilfeempfänger eigentlich zu?Das haben wir uns an einem Fall aus dem Alltag ausrechnen lassen, eine Situation, wie sie immer mal wieder vorkommt: Es handelt sich um ein junges Pärchen. Beide haben zwar eine Ausbildung abgeschlossen, wurden aber leider nicht übernommen und kamen auch sonst nirgendwo unter. Ein Vermögen, von dem sie leben könnten, haben sie auch nicht. Ein Unglück kommt selten allein: In dieser Situation wird sie schwanger; beide beschließen, das Kind aufziehen zu wollen. Außerdem wollen sie Nägel mit Köpfen machen und heiraten. Sie fragen auf dem Tübinger Sozialamt nach, mit welchem Betrag sie rechnen dürfen. Beitrag
10 Sek.Dazu bekommt unser Paar noch eine Wohnung. Sie wird wegen der unterschiedlichen Mietsätze extra abgerechnet. Nochmal Bernd Strohm: 20 Sek.Da die junge Dame schwanger ist bekommt sie wegen des Mehrbedarfs ungefähr das eineinhalbfache ihres Satzes, nochmal rund 200 DM. Unser Paar hat also mit Regelsatz und Miete einen Bedarf von ungefähr 2.200 DM. Das heißt aber nicht, daß es den vollen Betrag auch tatsächlich ausbezahlt bekommt. „Das ist der monatliche Bedarf und demgegenüber muß alles, was an Einkommen da ist, eingesetzt werden, das heißt die Unterschiedsbeträge zwischen Bedarf und Einkommen wäre dann die Höhe der Sozialhilfe.“Unser Paar ist ohne Vermögen und Einkommen, also bekommt es tatsächlich 2.200 DM. Falls der Mann irgendwann einmal arbeiten sollte, hat er einen Freibetrag, der zwischen 300 und 500 Mark liegt. Alles, was darüber liegt, wird vollständig angerechnet. Außer den laufenden Kosten bekommt unser Paar noch einmalige Zuschüsse, z.B. um die Wohnung einzurichten: 24 Sek.Wenn beide heiraten, wird die Feier mit etwa 400 DM unterstützt, an Weihnachten gibt’s für den Haushaltsvorstand 120 und die Angehörigen noch 60 Mark. Nun bekommt unser Paar endlich Nachwuchs und damit auch mehr Unterstützung: „Wenn das Kind auf der Welt ist, hat das Kind einen eigenen Anspruch auf Sozialhilfe, das heißt auch für das Kind wäre ein Regelsatz zu gewähren, allerdings müßte dann das Kindergeld wieder eingesetzt werden von dieser Familie.“Statt Kindergeld gibt es also ca. 300 DM Sozialhilfe. Außer der monatlichen Unterstützung zur Lebensführung gibt Vater Staat noch Zuschüsse für Schullandheimfahrten oder auch - Jahr für Jahr - für Kleidung: „Wir gewähren momentan für eine Frau 605 Mark sowie für einen Mann 495 Mark, das Kind hätte dann noch einen Anspruch von ca. 400 Mark.“Rechnen wir also nochmal zusammen: Die Eltern bekommen für den Lebensunterhalt und die Wohnung rund 2.000, für das Kind nochmal knapp 300 Mark und noch einige zusätzliche Leistungen, mindestens 1.500 Mark für Kleidung und Weihnachten. Macht also summa summarum im Durchschnitt einen Sozialhilfesatz von fast zweieinhalbtausend Mark. StudiogesprächUnd um auf diesen Betrag zu kommen muß ein verheirateter Arbeitnehmer mit Frau und Kind ungefähr 3250 Mark, das hat uns das Finanzamt Tübingen ausgerechnet. Im Studio nach wie vor Jürgen Volkert, Armutsforscher vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen. Herr Volkert, ist da überhaupt noch ein Anreiz da zum Arbeiten für Sozialhilfeempfänger?Herr Wahle, Sie sprechen hier ein Grundsatzproblem in der Sozialhilfe
an. Die Sozialhilfe soll ja nun ein Existenzminimum sichern. Das heißt
aber auch, daß die Sozialhilfe bei einer größeren Haushaltsgemeinschaft
mehr bezahlen muß. Und da kann es natürlich sein - und da ist
es auch so -, daß dann die Höhe der Unterstützung über
dem liegt, was Sie am Markt bekommen, denn die Marktlöhne nehmen natürlich
keine Rücksicht darauf, ob Sie eine große Familie haben oder
nicht. Das heißt, wir haben hier ein Grundsatzproblem, daß
wir einerseits Leistungseinkommen haben und auf der anderen Seite Bedarfseinkommen.
Und wie kann man diese Anreize wieder schaffen? Diese Anreize könnten Sie dadurch schaffen, daß
Sie eben weniger als bisher auf die Sozialhilfe anrechnen, das heißt,
daß Sie eben einbfach den Leuten mehr von ihren Einkommen lassen,
als das im Moment der Fall ist. Ich halte deshalb von höheren Anreizen
mehr als von solchen Sozialdetektiven, denn die Sozialdetektive, die sie
im Moment durch die Landschaft schicken, decken im Moment nur das auf,
was an Fehlanreizen existiert.
Welchen Stellenwert hat der Mißbrauch innerhalb des Sozialhilfesystems? Wir haben das Problem, daß natürlich Schwarzarbeit aufgrund dieser falschen Anreize durchaus eine bedeutsame Rolle spielt. Es wird geschätzt, daß etwa 15 % der Empfänger die Leistung mißbräuchlich beantragen, allerdings muß man dazu sagen, daß diese Datenbasis nicht gesichert ist. Man darf aber nicht nur die sehen, die zu unrecht Sozialhilfe beziehen, es gibt auch eine ganz bedeutende Zahl von Leuten, die Sozialhilfe bekommen könnten, aber aus Unkenntnis oder falscher Scham ihren Anspruch nicht wahrnehmen. Es wird geschätzt, daß auf zwei Sozialhilfeempfänger ein bis zwei weitere Anspruchsberechtigte kommen, die ihre Ansprüche nicht wahrnehmen. Wie kann man denn das Sozialhilfesystem jetzt verbessern Ihrer Meinung nach? Ganz wichtig ist aus meiner Sicht, daß mehr Anreize gegeben werden, damit sich die Arbeit für die Empfänger lohnt. Es gibt beispielsweise Vorschläge, allgemein die Abzüge von Erwerbslöhnen deutlich geringer zu machen und es gibt wie gesagt den Modellversuch in Baden-Württemberg, der eben vorsieht, daß Langzeitarbeitslose deutlich mehr behalten dürfen als bisher. Außerdem wurde schon ein wichtiger Schritt gemacht: Die Sozialämter tauschen nun Daten aus, so daß es nicht mehr vorkommen kann, daß man mehrfach an verschiedenen Ämtern Sozialhilfe beantragen kann. |