Armut - Schuld oder Schicksal?Wie weit ist Armut verbreitet?Alleinerziehende mit fünf Kindern Wieviel Sozialhilfe gibt es eigentlich? Arbeit für Sozialhilfeempfänger Arm trotz Arbeit Schuldnerberatung Müssen wir Armut akzeptieren?
| gesprochen von Moni Mix AnmoderationGerade eben haben wir gehört, was Sozialhilfeempfänger alles bekommen können. Das kostet dem Staat viel Geld. Alleine die Stadt Tübingen gibt dafür jedes Jahr 13 Millionen Mark aus. Und wenn man sich dann noch vor Augen hält, daß dem Staat durch jeden Arbeitslosen noch Steuern und Sozialabgaben entgehen, dann wird schnell klar, daß die Hilfebedürftigen schnellst möglich wieder in Lohn und Brot müssen. Bei Sozialhilfeempfängern ist das besonders schwierig, denn sie gehören häufig zu den Langzeit-Arbeitslosen oder gering Qualifizierten und damit schwer Vermittelbaren. Um ihnen zu helfen ist Anfang 97 von den Städten Tübingen und Reutlingen die Kommunale Arbeitsförderung - kurz KomAG - ins Leben gerufen worden: sie soll den Sozialhilfeempfängern eine Arbeit beschaffen.Beitrag hörenJobs für Sozialhilfeempfänger - da mag man an Tüteneinpacken oder Unkrautjäten denken. Von wegen! Die Arbeit, die die KomAG vermitteln will, hat ein anderes Kaliber. Robert Brögeler, stellvertretender Geschäftsführer der KomAG:O-Ton (26 Sekunden)Das Schwierigste für Robert Brögeler ist es, diese Arbeitsplätze zu finden. Kaum jemand ist ohne weiteres bereit, langzeitarbeitslosen Sozialhilfeempfängern einen teuren Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen. Deshalb macht die KomAG den möglichen Arbeitgebern das Angebot, die Hälfte des Lohnes zu übernehmen. Nochmal Robert Brögeler: O-Ton (21 Sekunden)Trotzdem blieben die möglichen Arbeitgeber skeptisch: Können die Sozialhilfeempfänger die Erwartungen erfüllen? Sind sie auch zuverlässig genug? Auch das ist kein Hinderungsgrund, sagt Robert Brögeler: Die Arbeitgeber können die Sozialhilfeempfänger einen Monat lang „zur Probe“ einstellen - kostenlos: O-Ton (25 Sekunden)Danach erhält der Sozialhilfeempfänger einen ganz normalen Arbeitsvertrag über ein Jahr. Und liegt damit dem Staat nicht mehr auf der Tasche. Ziel ist es natürlich dann, das Arbeitsverhältnis in ein unbefristetes zu überführen. Aber selbst wenn das nicht gelingt, so ist den Vermittelten doch wenigstens ein bißchen geholfen: O-Ton (30 Sekunden)Seit 1997 besteht die KomAG, in eineinhalb Jahren wurden ihr vom Sozialamt 800 Hilfeempfänger übermittelt, jeder Achte bekam einen Job; aber auch genauso viele waren überhaupt nicht bereit, sich vermitteln zu lassen. Die wurden dann vom Sozialamt einer Arbeitsprüfungsmaßnahme unterzogen, wie es im Beamtendeutsch heißt. Im Klartext: Die Sozialhilfeempfänger werden zur Arbeit geschickt und erhalten dafür ein kleines Zubrot. Bernd Strohm, stellvertretender Amtsleiter der Abteilung Sozialhilfe auf dem Sozialamt Tübingen: „Hier haben wir eigene Arbeitsstellen, eigene Arbeitsmöglichkeiten, die wir mit 3,50 DM bezahlen, wo wir dann diese Arbeitsbereitschaft selbst prüfen bei diesen Personen.“Und wer die Arbeit verweigert, dem wird zunächst die Sozialhilfe um bis zu einem Viertel gekürzt. Wer dann immer noch nicht arbeiten will, muß mit dem Schlimmsten rechnen. Nochmal Bernd Strohm: „Wenn diese Arbeitsbereitschaft weiterhin nicht gegeben ist, dann wird er den Anspruch insgesamt verlieren.“ StudiogesprächIm Studio Armutsforscher Jürgen Volkert. Herr Volkert, begrüßen Sie es eigentlich, daß Sozialhilfeempfänger auf diesem Weg zur Arbeit gezwungen werden.Die Sozialhilfeempfänger werden solidarisch von den Steuerzahlern finanziert. Von daher bin ich der Meinung, daß hier auch die Bereitschaft da sein muß, Stellen anzunehmen, die vielleicht nicht ganz den eigenen Vorstellungen entsprechen. Und wir vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung haben auch die Beschäftigungsgesellschaft hier durchaus begrüßt, haben auch eine Studie dazu gemacht, sehen aber auch deren Grenzen. Wir müssen ganz klar sagen, daß jetzt schon von den insgesamt 700.000 arbeitsfähigen Sozialhilfeempfängern in Deutschland 200.000 von den Kommunen eine Stelle vermittelt bekommen. Viel mehr wird nicht gehen, einerseits weil die Kommunen es nicht können, andererseits aber auch, weil die Arbeitsplätze produktiv sein müssen und nicht zu einer zu starken Konkurrenz für den ersten Arbeitsmarkt werden dürfen. |